Über Sozialistischen Realismus

In der Entwicklung der revolutionären Arbeiter:innenbewegung haben verschiedenste Kunstformen von Gemälden, Skulpturen über Musik und Lieder bis hin zu Theater und der sogenannten schöngeistigen Literatur stets eine bedeutende Rolle eingenommen. Die historischen Zeiträume, in denen ein besonders großer Schatz ein sozialistischer Kunst entstanden ist, stimmen dabei wenig überraschend mit den Zeiträumen überein, in denen sich die kommunistische Bewegung im Aufschwung befand, in denen überall auf der Welt revolutionäre Massenkämpfe ausgefochten wurden und sich ganze Nationen auf den Weg zum Kommunismus machten.

Aber auch heute, in einer Entwicklungsphase, in der ein sprunghaftes Vorwärtskommen der revolutionären Bewegung immer drängender von den objektiven Bedingungen verlangt wird, hat die Kunst eine wichtige Funktion für den Aufbau der kommunistischen Bewegung zu erfüllen.

Für uns stellt sich also die Frage, an welche künstlerischen Errungenschaften und Traditionen wir anknüpfen können und wie erste Ansätze zum Aufbau einer marxistisch-leninistischen Kunst- und Kulturarbeit aussehen könnten. Aus den verschiedenen Aspekten dieser Frage wollen wir uns zunächst einen herausgreifen, der besonders grundlegend ist: Das Thema des Sozialistischen Realismus.

Was verstehen wir unter Sozialistischem Realismus?

Der Sozialistische Realismus ist zuerst der historische Begriff für die Kunstrichtung, die maßgeblich in der sozialistischen Sowjetunion entwickelt wurde. Geprägt wurde der Begriff in den 1930er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er greift fortschrittliche Eigenschaften des bürgerlichen Realismus auf, grenzt sich aber von ihm und anderen, ebenfalls in der gleichen Zeit bestehenden Kunstrichtungen ab. Im Gegensatz zu anderen Kunstrichtungen steht im Sozialistischen Realismus der klassenmäßige Inhalt der Kunst im Vordergrund, nicht etwa das Streben nach „besonders ästhetischer“ Kunst. Formale Vorgaben werden, entgegen der bürgerlichen Vorstellung vom Sozialistischen Realismus, in keinem theoretischen Text oder Parteibeschluss festgelegt.

Die Quellen aus der Sowjetunion zu diesem Thema ergeben, ebenso wie Ausarbeitungen von Bertolt Brecht, der an diese anschloss, vier Merkmale des Sozialistischen Realismus, anhand derer wir ihn zusammenfassen können: Wirklichkeitstreue, Parteilichkeit, Verallgemeinerung und Perspektive.

Wirklichkeitstreue: Realistisch bedeutet nicht, nur noch detailverliebte, literarische Fotokopien oder Berichte von tatsächlich geschehen Ereignissen zu schreiben. Stattdessen sollen falsche Anschauungen über die Realität bekämpft werden und die Verhältnisse, unter denen die Menschen leben, auch in ihrer Veränderung, richtig dargestellt werden. Anstelle mystischer Verklärung tritt die tatsächliche Darstellung nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer Interessen und der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben. Dabei müssen auch die Widersprüche und Entwicklungen aufgezeigt werden; ebenso wird der aktuelle Stand des Bewusstseins der Menschen sowie des Klassenkampfes berücksichtigt.

Parteilichkeit: Um die Welt richtig darstellen zu können, muss die Kunst notwendigerweise auf dem proletarischen Klassenstandpunkt stehen. Denn es entspricht nur dem Interesse unserer Klasse, dass die geschaffene Kunst ein flammender Aufruf ist, sich gegen die herrschenden Verhältnisse zu organisieren und zur Wehr zu setzen. Andersherum ist klar, dass es den Klasseninteressen der Bourgeoisie entspricht, wenn Kunst die Realität verschleiert und von der Notwendigkeit des Klassenkampfes ablenkt, zum Beispiel in dem sie eine abstrakte Diskussion über Ästhetik in den Vordergrund stellt und Kunst zu einem einfachen, unpolitischen Genussmittel herabwürdigt.

Verallgemeinerung: Personen, Beziehungen, Lebenssituationen etc. der sozialistisch-realistischen Kunst sollen nicht das besonders einzigartige Individuum beschreiben und ins Zentrum stellen, im Vordergrund sollen nicht die Taten eines oder einiger weniger besonderer Helden stehen. Vielmehr müssen die Figuren das für die gesellschaftliche Situation typische und allgemeingültige aufgreifen und zum Ausdruck bringen.

Perspektive: Es wird sich in der realistischen Darstellung nicht nur auf den Ist-Zustand beschränkt, sondern es wird eine Perspektive der Veränderung geboten. Statt Resignation und Hoffnungslosigkeit zeigt sozialistisch-realistische Kunst einen hoffnungsvollen Weg in die Zukunft auf. Konkret bedeutet dies, dass auch hier der proletarische Klassenstandpunkt eingenommen wird, da der Sozialismus diese Zukunft ist.

Der Sozialistische Realismus als volkstümliche Kunst?

Historisch gehört zu den Merkmalen auch noch die Volkstümlichkeit. Gemeint ist hiermit, dass die Kunst beziehungsweise insbesondere die Literatur an traditionelle Figuren, die in den oft Jahrhunderte alten Erzählungen und Märchen des Volkes entstanden sind, aufgreifen kann und soll. Es ist jedoch fraglich, ob dieses beispielsweise von Maxim Gorki stark betonte Merkmal des Sozialistischen Realismus bei der Aufgabe, neue sozialistische Kunst in den 2020er-Jahren im imperialistischen Deutschland zu schaffen, wirklich ein hilfreicher Fingerzeig sein kann.

Zu berücksichtigen ist zum Beispiel, dass die Kunst des zaristischen Russlands, an deren größte Errungenschaften der sozialistische Realismus damals anknüpfen konnte, im Vergleich mit der heutigen Kulturindustrie verhältnismäßig homogen war. Bestimmte Sagengestalten oder Romanfiguren waren damals tatsächlich einem großen Teil der Gesellschaft bekannt. Eine vergleichbare allgemeine Bekanntheit genießen heute weder die Märchen der Gebrüder Grimm, noch Harry Potter und schon gar nicht die Serienstars aus US-amerikanischen Sitcoms.

Der Imperialismus stand damals eben erst am Anfang seiner Entwicklung. Die entstehende Arbeiter:innenklasse im zaristischen Russland war nicht im gleichen Maße, wie es die Arbeiter:innenklasse heute in Deutschland ist, von Migration aus unterschiedlichen Weltregionen und der Ausdifferenzierung der Klassenstruktur geprägt und die Menschheit war damals auch noch nicht in den „Genuss“ der Umformung der Kulturindustrie nach US-amerikanischen Vorbild gekommen.

Um heutiger sozialistischer Kunst also „volkstümliche“ Eigenschaften in Gorkis Sinne zu verleihen, fehlen somit klare, in der breiten Masse der Gesellschaft allgemein geschätzte und bekannte Ansatzpunkte.

Bertolt Brecht, der in den 1930er-Jahren in vielen Fragen des Sozialistischen Realismus eher eine Minderheitenposition vertreten hatte, bildet einen Begriff der Volkstümlichkeit heraus, der allgemeiner und umfassender ist und deswegen auch eher heute noch als Leitgedanke dienen kann: Die Kunst muss dem Volk verständlich und zugänglich sein. Unnötige Hürden, die das richtige „Verstehen“ und „Interpretieren“ zu einer Freizeitbeschäftigung für eine kleine, elitäre Minderheit machen, dürfen im Sozialistischen Realismus keine Platz finden. Brecht warnt jedoch ausdrücklich davor, die Arbeiter:innenklasse zu unterschätzen und ihr grundsätzlich keine neuartigen Formen von Kunst und Kultur zuzumuten.

Das Verhältnis von Form und Inhalt

Dieser Punkt führt zur Frage wie Form und Inhalt in der sozialistischen Kunst zusammenhängen müssen. Was den Inhalt angeht, können wir hierbei an eine sozialistische Künstler:in den Anspruch stellen, dass die produzierte Kunst als revolutionäres Agitations- oder Propagandamittel funktioniert. Hierzu sind die oben zusammengefassten historischen Merkmale des Sozialistischen Realismus noch heute sinnvolle Grundpfeiler.

Die Form jedoch muss vor allem so gewählt sein, dass sie den Inhalt vermittelt und ihn positiv verstärkt. Dabei ist klar, dass heute geschaffene sozialistische Kunst an zahlreiche Kunstformen, anknüpfen kann und muss, die sich in den letzten Jahrzehnten im imperialistischen Deutschland etabliert haben. Ein schlichtes, dogmatisches Zurück zu den Kunstformen der 1920er-Jahre kann hierbei nicht zielführend sein. Denkverbote sollte es grundsätzlich bei der Wahl geeigneter künstlerischer Formen für die Aufgabe sozialistischer Kunst daher nicht geben.

Jedoch ist auch die Frage der Kunstform keine Frage, die beliebig und einfach nur mit einem Blick auf den Geschmack der breiten Masse beantwortet werden kann. Was „populär“ ist, muss nicht unbedingt geeignet sein, die Ziele sozialistischer Kunst zu erfüllen. So ist der Film zu einem deutlich wichtigeren und weiter entwickelten Medium geworden als zur Zeit Maxim Gorkis und Bertolt Brechts. Das Format der Serie, das immer beliebter wird, jedoch ist beispielsweise sehr stark davon geprägt, dass sich der Verwertungsdrang des in der Filmindustrie angelegten Kapitals auf die Form niederschlägt und sie entstellt. Serien zielen eben in aller Regel heute nicht darauf ab, eine Geschichte in möglichst eindrücklicher und prägnanter Form zu erzählen, sondern vielmehr darauf, die Zuschauer:innen über Wochen und Monate zu Konsum zu bewegen, oft ohne, dass die Handlung wirklich voranschreitet.

Ähnlich bietet damals wie heute das politische Lied ebenso aber auch politischer Rap als neuere Kunstform zahlreiche Potentiale. Die in der bürgerlichen Gesellschaft entstandenen Elemente des Battle-Rap hingegen mit der entsprechende Überhöhung der eigenen Person widersprechen ihrem ganzen Wesen nach stark den sozialistischen Idealen. Umso bedauernswerter ist es, dass viele der sogenannten „Roten Rapper“ diese Elemente mehr oder weniger stark in ihre Musik integrieren.

Vor dem Hintergrund dieser Gedanken gilt es beim Schaffen revolutionärer Kunst vor allem zwei mögliche Abweichungen zu vermeiden, bei denen die Form über den Inhalt gestellt wird. Beide können daher als Varianten des Formalismus bezeichnet werden.

Erstens gilt es, wie zuvor betont, sozialistische Kunst zu schaffen, die klare politische Ziele verfolgt, und den Menschen, die sie sehen, hören oder lesen, Klassenbewusstsein verleihen kann und sie dazu bringt oder sie darin bestärkt, den Kampf für den Sozialismus zu führen. Dies muss heute bei der Schaffung sozialistischer Kunst der leitende Gedanke sein. Hieran und nicht an vermeintlich allgemein gültigen, aber letztlich individuellen „ästhetischen Kriterien“ muss in letzter Instanz der Erfolg dieser Arbeit gemessen werden.

Die andere Gefahr ist sozusagen ein umgedrehter Formalismus, der zwar nicht von ästhetischen Vorstellungen ausgehend eine bestimmte Form festlegen will, aber in einer dogmatischen Weise an die aus der kommunistischen Arbeiter:innenbewegung stammenden Kunstformen anknüpft, ohne zu begreifen, dass sich die kulturellen und künstlerischen Bedürfnisse der Arbeiter:innenklasse selbstverständlich in den letzten 90 Jahren weiterentwickelt haben.

Ansätze zum Schaffen sozialistischer Kunst heute

Neben Brecht und Gorki befassten sich andere Theoretiker:innen ebenfalls mit der Frage nach proletarischer/sozialistischer Kunst. Bisher haben wir wahrscheinlich bei weitem nicht die gesamte theoretische Diskussion erfasst. Gleichzeitig kann eine sinnvolle Kunsttheorie heute auch nur im Zusammenhang mit der Praxis, d.h. mit entstehender Kunst im Klassenkampf entwickelt werden, wobei die Analyse der bestehenden Ansätze unser Ansatzpunkt ist.

Wollen wir heute sozialistisch Kunst schaffen, dürfen wir also nicht einfach andere Werke oder Darstellungen, die dem sozialistischen Realismus zugeordnet werden, nachahmen, sondern wir müssen seine allgemeinen Merkmale konkret auf unsere Situation anwenden. Dafür müssen wir auch den Marxismus-Leninismus als unser Werkzeug zum Verstehen und Verändern der Welt beherrschen. Nicht, um z.B. zu versuchen, wissenschaftliche Sachtexte in Gedichtform zu pressen – die besonderen Möglichkeiten von Kunst, auf verschiedene Art und Weise die Gefühle von Menschen zu beeinflussen, muss berücksichtigt werden (ebenso ihre Grenzen in anderen Aspekten). Das Verständnis des Marxismus-Leninismus ist notwendig, um wirklichkeitsgetreue Darstellungen und politisch vorwärtsweisende Werke schaffen zu können.

An sozialistische Kunst haben wir den Anspruch, Klassenbewusstsein zu vermitteln, ja als Form der Agitation und Propaganda zu wirken. Es ist somit klar, dass sich Form und Inhalt sozialistischer Kunst heute entsprechend der Entwicklung der kommunistischen Bewegung verändern werden. Solange diese Bewegung einen verhältnismäßig kleinen Teil der Arbeiter:innenklasse erreicht, sind notwendiger Weise auch die zur Anwendung kommenden Kunstformen noch relativ beschränkt.

Größere Projekte wie Spielfilme, aber auch größere Konzerte sind erst erreichbar, wenn durch die Entwicklung der Arbeiter:innenbewegung ein entsprechendes Publikum geschaffen ist. Dem Verfassen von Romanen, Kurzgeschichten oder Gedichten stehen aber keine objektiven Grenzen im Weg, ebenso wie der Aufbau von Theater- oder Musikgruppen, wenn auch zunächst nicht auf professionellem Niveau, durchaus heute schon erreichbar ist.

Wo finden wir inhaltliche Ansatzpunkte für die Entwicklung sozialistischer Kunst heute? Ob bei Romanen, Filmen oder Serien betrachtet man die heutige Film- und Literaturlandschaft in Deutschland, fällt sofort auf, dass Fantasy-, Sci-Fi- und historische Szenarien einen erheblichen Teil des Marktes ausmachen. Einerseits können wir nicht grundsätzlich ausschließen, dass auch in solchen Szenarien politisch wertvolle Geschichten erzählt werden können. Grundsätzlich ist es jedoch schwerer, zum Beispiel den Leser:innen einer Kurzgeschichte oder eines Romans, deutlich zu machen, was die Handlung mit ihnen selbst zu tun hat, wenn sie zeitlich oder auf andere Weise stark gegenüber ihrer Wirklichkeit entfremdet ist. Solche künstlerischen Entscheidungen bergen immer die Gefahr, auch Versuche, sozialistische Kunst zu schaffen wieder in Kunst zu verwandeln, die als reines Vergnügen oder gar als Flucht vor der eigenen harten kapitalistischen Realität konsumiert wird.

Während die bürgerliche Kulturindustrie voll ist von Heldengeschichten über Polizist:innen, Politiker:innen und Astronaut:innen, besteht die Herausforderung bei der Schaffung sozialistischer Kunst heute darin, andere Held:innen zu finden, die auf den ersten Blick für viele so gar nicht heldenhaft wirken werden.

Sozialistische Kunst muss es sich zum Ziel setzen, die massenhaft stattfindenden Prozesse im Kapitalismus aufzugreifen und entsprechend der Kriterien des sozialistischen Realismus zu bearbeiten, z.B. durch die Schilderung eines Streiks, einer politischen Kampagne oder Ähnlichem.

Die Wirkung von in der Sowjetunion entstandener sozialistisch-realistischer Kunst wird in der heutigen Arbeiter:innenklasse beschränkt bleiben, weil sie in Szenarien spielt, in denen die Arbeiter:innenklasse die Macht bereits in Händen hielt. Damit soll nicht gesagt werden, dass es keinen Sinn macht solche Werke zu lesen, weiter zu empfehlen oder sogar neu zu drucken und zu verbreiten.

Die Aufgabe für sozialistische Kunst heute muss jedoch darin liegen, die aktuelle Realität der Arbeiter:innenklasse darzustellen, um daraus die Notwendigkeit des organisierten Klassenkampfes und der Revolution zu folgern.

 

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